Körper & Geist

Wie der Lockdown die Psyche belastet hat

Annette Karmann ·

aktualisiert am 6. November 2026

Psyche im Lockdown, Jugendlicher allein am Fenster

Hinweis: Dieser Artikel stammt vom 7. April 2021 und gibt den damaligen Wissensstand zum Coronavirus wieder.

Seit Monaten befindet sich Deutschland im Lockdown. Zunächst für ein paar Wochen geplant, haben die Regierenden die Dauer immer wieder verlängert. Zuerst wegen der steigenden Anzahl positiv Getesteter, danach wegen der Gefahr durch Mutationen, nun wieder wegen steigender Anzahl positiv Getesteter. Die Bevölkerung kann nichts planen und sich auf nichts einstellen. Seit Monaten sehen viele nur die engste Familie, ausgewählte Freunde und eventuell Kollegen oder Mitschüler. Was macht diese Art Lockdown mit der Psyche?

Studienlage: Welche Auswirkungen hat der Lockdown auf die Psyche?

Die Daten vieler Studien (insgesamt 7 europäische findest du unter diesem Artikel) deuten in dieselbe Richtung.

Die Deutsche Depressionshilfe hat am 23.3.2021 bekannt gegeben, dass der Lockdown bei bereits depressiven Menschen zu einer deutlichen Verschlechterung des psychischen Zustands geführt hat. In einer Umfrage unter über 5.000 Personen gab fast die Hälfte der Menschen mit einer bereits diagnostizierten Depression an, dass sich ihre Krankheit verschlechtert habe. Manche berichteten sogar von Suizidversuchen. Gründe seien unter anderem die geänderten Lebensumstände, aber auch die schlechtere Versorgung durch Fachärzte und Therapeuten in den vergangenen Monaten.

Hinweis: Wenn es dir selbst nicht gut geht: Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr kostenlos erreichbar unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.

Auch die NAKO-Gesundheitsstudie, die zwischen 2014 und 2020 über 200.000 Personen rekrutierte, fand in einer speziellen Corona-Befragung heraus, dass sich insbesondere bei jungen Frauen depressions- und angstbezogene Symptome verstärkten. Der wahrgenommene Stress stieg in allen Altersgruppen, aber auch hier besonders bei den Jüngeren.

In diesem Zusammenhang verwundert auch die traurige Nachricht nicht, dass die Anzahl der Drogentoten im Jahr 2020 gestiegen ist.

Besonders besorgniserregend: die Psyche unserer Kinder

Einige Studien befassen sich besonders mit der Psyche von Kindern und Jugendlichen im Lockdown. Die Universitäten Hildesheim und Frankfurt am Main haben in Kooperation mit der Bertelsmann Stiftung zwei Befragungen von jungen Menschen zwischen 15 und 30 Jahren ausgewertet. Mehr als 60 % fühlen sich laut Umfrage einsam, 64 % fühlen sich psychisch belastet, und mehr als zwei Drittel haben Zukunftsängste. Besonders markant scheint aber, dass fast zwei Drittel der jungen Menschen das Gefühl haben, ihre Sorgen würden eher nicht oder gar nicht gehört.

Forschende der Universität Cambridge fanden in Befragungen heraus, dass die Depressionssymptome von Kindern während des Lockdowns in Großbritannien im Vergleich zu vorher erheblich zugenommen haben.

Auch das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf hat über 1.000 Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern befragt und fasst zusammen:

„Die Lebensqualität und die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen hat sich in Deutschland im Verlauf der Corona-Pandemie weiter verschlechtert. Fast jedes dritte Kind leidet ein knappes Jahr nach Beginn der Pandemie unter psychischen Auffälligkeiten. Sorgen und Ängste haben noch einmal zugenommen, auch depressive Symptome und psychosomatische Beschwerden sind verstärkt zu beobachten.“

Ähnliche Ergebnisse meldet auch die Universität des Saarlandes. Eine weitere Umfrage der Universität Salzburg mit dem Titel „Jetzt sprichst du!“ lief zum Zeitpunkt dieses Artikels unter deutschen Schülern.

Was sagen Experten?

Viele Experten sind sich einig, dass die psychische Belastung der Erwachsenen vermutlich nur vorübergehend ist, denn ihre Sozialisation ist abgeschlossen. Schwieriger wird es nach Expertenmeinung für Kinder. Manuel Schabus, Leiter der Umfrage der Universität Salzburg, sagt:

„Die [Kinder] werden unter diesem verlorenen Jahr, vielleicht werden es ja sogar verlorene eineinhalb oder zwei Jahre, sehr leiden. Wir sehen das in den Daten unserer Umfragen. Die Hauptangst der 6- bis 18-Jährigen ist, dass ihr Leben nie mehr so wird, wie es vor der Pandemie und den Lockdowns war. Sie gehen davon aus, dass ihre Zukunft nachhaltig negativ beeinträchtigt wird.“

Der Hirn- und Kindheitsforscher Gerald Hüther geht in einem Interview im Dokumentarfilm „Lockdown Kinderrechte“ sogar so weit zu sagen, dass ein Kind, das seine Oma monatelang nicht persönlich sehen, umarmen und mit ihr kuscheln kann, möglicherweise auch nach dem Lockdown kein Bedürfnis mehr verspürt, sie wieder zu umarmen. Solche Wünsche und Bedürfnisse kommen eventuell nicht mehr zurück.

Ganz abgesehen von den Ängsten und Schuldgefühlen, die den Kindern von manchen Erziehern, Lehrern und der Regierung gemacht wurden.

Wäre es nicht sinnvoll, die Oma zu fragen, ob sie das so möchte? Oder sollte man nicht besser beide Seiten in so stark eingreifende Maßnahmen einbeziehen? Was dir in solchen Zeiten guttun kann, liest du im Artikel Gehst du seit dem Lockdown auch häufiger nach draußen?.

Quellen:

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