PCR-Test: Zu genau oder zu ungenau?

2176
PCR-Test
Microgen, Adobe Stock
Anzeige

Es gibt immer wieder Kritik am PCR-Test, der nachweisen soll, ob Virus-Bruchstücke im Rachen einer Person vorhanden sind oder nicht. Er sei nicht aussagekräftig, heißt es. Manche behaupten, er sei viel zu ungenau. Und nun behaupten andere, das stimme nicht, eigentlich sei er viel zu genau und deshalb müsse man genauer hinschauen. 

Ist das bei über 1 Million Tests pro Woche aber überhaupt möglich?

Wie funktioniert der PCR-Test und was misst er?

Für den Test wird bei einer Person ein Abstrich vom Rachen, aus der Nase oder von der Mundschleimhaut genommen. Diese Probe wird in ein Labor gesendet und dort mehrfach (in Zyklen) vervielfältigt. Nach jedem Zyklus überprüft das Labor, ob RNA-Bruchstücke des aktuellen Coronavirus’ nachweisbar sind. Dies gelingt erst ab einer bestimmten Menge, daher muss unterschiedlich häufig vervielfältigt werden. Je öfter man vervielfältigen muss, desto weniger Virusmaterial war bei Probenentnahme bei einer Person vorhanden (desto geringer war die Viruslast). 

Der Test wurde entwickelt, um eine vermutete Erkrankung nachzuweisen. Er sollte also angewendet werden bei Personen, die bereits Symptome zeigen oder engen Kontakt mit einer erkrankten Person hatten. Er ist folglich nicht entwickelt worden, um millionenfach an symptomlosen Personen ohne Kontakte zu Erkrankten angewendet zu werden.

Grenzen des PCR-Tests

Der Test kann nicht nachweisen, ob eine Person infiziert oder ansteckend ist (man kann dies anhand der Anzahl der Zyklen nur vermuten). Er weist lediglich das Vorhandensein von RNA-Bruchstücken nach. Auch, ob eine Person Symptome hat und erkranken wird, kann der Test nicht zeigen.

Aber: Man kann anhand der benötigten Zyklen, also wie häufig man die Virusmenge vermehren musste, erkennen, wie hoch die Viruslast bei Probenentnahme war. Anhand der Höhe der Viruslast lässt sich grob vorhersagen, ob eine Person ansteckend war, evtl. sogar vermutlich erkrankt oder es möglicherweise so wenige Viren waren, dass man den Test sogar als „negativ“ werten könnte.

Dazu äußerte sich Dr. Michael Mina, Epidemiologe an der Harvard TH Chan School of Public Health, in der vergangenen Woche und hält es für unverantwortlich, diese Informationen zu ignorieren. Er erklärt, dass ein Ergebnis, dass erst nach 40 Zyklen das Virus nachweisen könnte, aus seiner Sicht nicht mehr als positiv-getestet gewertet werden könne. Alternativ schlägt die Virologin Juliet Morrison vor, die Zahl auf max. 30 Zyklen festzulegen. Über diesem Wert müsse der Test als negativ gelten. 

Dazu müssten aber alle Labore die Menge der Zyklen angeben. Dies tun bisher nur wenige. 

Ist er denn zu ungenau? Oder vielleicht doch zu genau?

Genau daraus ergibt sich die unterschiedliche Wahrnehmung, dass der PCR-Test einerseits zu genau ist. Denn man kann jede noch so kleine Menge so häufig vervielfältigen, dass auch nach 50 Zyklen noch ein positives Ergebnis herauskommt.

Andererseits macht man dadurch aber die Zahlen der positiv-Getesteten sehr ungenau. Denn es erscheinen auch Personen als infiziert, die es aufgrund der geringen Menge des Virus höchstwahrscheinlich gar nicht (mehr) sind.

Welche Auswirkungen hat diese Genauigkeit/Ungenauigkeit auf die Zahlen?

Es gibt für den PCR-Test eine ungefähre Angabe der Spezifität. Die Spezifität ist die Angabe, wie korrekt der Test ist, denn natürlich können bei Test immer auch Fehler passieren und falsche Ergebnisse herauskommen. Je weniger symptomatisch Erkrankte es in einem Land gibt, desto höher ist diese Fehlerquote, sie wird häufig angegeben zwischen 1 und 2 % (Ergebnis Ringversuch INSTAND e.V.). Derzeit gibt es in Deutschland kaum Erkrankte, die in Krankenhäusern behandelt werden müssen. Das Durchschnittsalter der positiv-Getesteten ist deutlich niedriger als zu Beginn der Pandemie, wenige haben Symptome.

Folgerichtig wäre es also, anzunehmen, dass die Fehlerquote bei mehr als 1 % liegt. Da derzeit die Quote der positiv-Getesteten sogar unter 1 % liegt (nämlich bei 0,74 %), sollte man kritische Fragen stellen dürfen. Außerdem wäre es bei symptomlosen Personen möglicherweise sinnvoll, ein positives Ergebnis überprüfen lassen.

Gibt es Alternativen?

Ja. Es gibt sie bereits und zusätzlich arbeiten noch zusätzliche Pharma-Unternehmen an der Entwicklung Diese werden auch als Schnelltests bezeichnet, weil sie innerhalb von ca. 15 Minuten ein Ergebnis liefern. 

Auch hier wird ein Abstrich aus Nase/Rachen genommen. Nachgewiesen werden hier bei keine RNA-Bruchstücke, sondern Eiweiße aus der Hülle des Virus. Sie sollen eine hohe Zuverlässigkeit bei hoher Viruslast haben: Genau dann, wenn auch andere anstecken könnte – der wichtigsten Information also.

Diese Schnelltests sind zusätzlich sinnvoll, wenn nun bald die Erkältungszeit ansteht, um schnell nachweisen zu können, dass es eben nur ein harmloser Schnupfen ist. Somit könnte man unnötige desaströse Quarantäne-Zeiten für Arbeitnehmer, Selbstständige und Schüler verhindern. 

Quellen:

https://www.nytimes.com/2020/08/29/health/coronavirus-testing.html

https://www.ecdc.europa.eu/en/publications-data/rapid-risk-assessment-novel-coronavirus-disease-2019-covid-19-pandemic-increased

https://www.instand-ev.de/System/rv-files/340%20DE%20SARS-CoV-2%20Genom%20April%202020%2020200502j.pdf

https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Situationsberichte/Gesamt.html

https://www.aerzteblatt.de/archiv/214370/PCR-Tests-auf-SARS-CoV-2-Ergebnisse-richtig-interpretieren

https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/116159/SARS-CoV-2-Roche-bringt-im-September-Schnelltest-auf-Antikoerper-auf-den-Markt?rt=10f5ade2312d7c612c08424678aa5da1